Eine Tourenbeschreibung unserer Nordlicht Huskytour aus Teilnehmersicht.
Der Text wurde uns zur Verfügung gestellt von Heike Kiefer.

Pastellfarbenes Licht

Warum mein Leithund Keito sich selbst am dritten Tag noch derart vehement in das Zuggeschirr warf, kann ich bis heute nicht verstehen. Schließlich hatten wir bereits 50 Kilometer zurück gelegt.

Der lockere Schnee der letzten Tage hatte den Hunden und mir zum Teil recht zu schaffen gemacht. Jeder Meter bergauf war für meine Hunde wirklich strenge Arbeit. Wie auf einem Tretroller aus meinen Kindertagen stehend, rollerte und trat ich kräftig mit, um meinem Gespann das Ziehen zu erleichtern.

Wir alle – unser Führer Bjørn mit seinen neun Hunden, Holger und Karl aus Schwaben mit ihren jeweils sechs Hunden und ich – freuten uns mächtig, als wir am Nachmittag die Hütte in dem kleinen Birkenwäldchen erreichten. Schnell erwärmte der gusseiserne Ofen die urige Hütte, während draußen der leichte Wind zu einem ausgewachsenen Schneesturm anschwoll.
Die Hunde vergruben sich einfach unter dem Schnee, und lauschten geschützt den heranbrausenden Böen. Erst spät in der Nacht beruhigte sich das Wetter. Als wir heute Morgen aus den Schlafsäcken krochen, leuchteten Sterne von dem sich langsam erhellenden Himmel.

Auch wenn wir uns jetzt auf dem Höhepunkt der Polarnacht befanden, so erhellte die Sonne hinter dem Horizont doch für drei bis vier Stunden die Landschaft. Der Schnee reflektierte das Licht in einer überraschenden Weise. In Mitteleuropa kann man diese Helligkeit vielleicht kurz nach dem Sonnenuntergang erleben.
Doch das Licht war nicht dasselbe. Es war nicht nur überraschend hell. Bläulich, rosarot erschien die Landschaft. Wie in Pastellfarben getunkt getunkt tauchten die Berge aus dem unendlichen Weiss der Tundra. Im Süden – dort wo sich hinter dem Horizont die Sonne verbarg – verwandelte sich gegen Mittag der Himmel rosa bis violett. Erst im Norden verlief der Himmel in ein kräftiges, dunkles Blau.

Die Hunde

Ob sich meine Hunde genauso an dieser Farbenpracht erfreuten wie ich? Vielleicht war das der Grund, warum sie sich so gut ins Geschirr warfen, als hätte unsere Tour gerade erst begonnen. Dabei sahen sie auf der Huskyfarm bei Björn gar nicht so riesig und arbeitswillig aus.

Da war Cobra, die “Schmusetante”, die immer als erstes das Ziel erreichen wollte. Neben ihr lief der souveräne Leithund Keito, den nichts so leicht aus der Fassung brachte. Lefka hinter ihm war die Schüchterne, die meine Streicheleinheiten still genoss. Neben ihr dachte Knerten immer nur an die Liebe, was Lefka sichtbar auf die Nerven ging. Max an vorletzter Stelle im Gespann benötigte die ersten Tage, um sich an mich zu gewöhnen und blieb aber dann auch noch eher zurückhaltend. Nanok neben ihm dagegen hatte sich schon in der ersten Minute zu mir vorgedrängt und wollte meine ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Alle diese Hunde aus meinem Gespann wuchsen mir mit jeder Stunde mehr ans Herz. Es waren “meine Hunde”, mit denen ich zusammen durch diese Schneewüsten zog. Wir bildeten ein TEAM!

Die Motivation

Jeder von uns fuhr ein eigenes Gespann vor dem Schlitten. Das bedeutete nicht nur den Genuss des aktiven Dahingleitens mit dem Schlitten durch die winterliche Landschaft, sondern auch Verantwortung für die Hunde.

Schon nach wenigen Tagen hatten sie sich an mich gewöhnt, wedelten mich jeden Morgen an und freuten sich auf die bevorstehende Etappe. Willig ließen sie sich das Zuggeschirr überstreifen und vor den Schlitten spannen. Dann allerdings beachteten sie mich nicht mehr. Mit zunehmender Ungeduld zerrten sie an den Zugleinen, verstanden nicht, warum wir erst das Gepäck verschnüren mussten, bevor es endlich losgehen konnte.

Dann – in dem Augenblick, indem ich die Startleine löste – verstummte ihr Gejaule, und der Schlitten setzten sich ruckartig in Bewegung. Sie gaben alles, was sie hatten, als ging es um einen Wettkampf auf Leben und Tod. Erst nach ein paar Kilometern wurden sie deutlich ruhiger und der gestreckte Galopp ging in einen zügigen Trab über.
Warum sie sich derart ins Zeug legten, ist mir nicht ganz klar. Keiner zwang sie. Björn benutzte keine Peitsche oder andere Zwangsmittel. Die Hunde reagierten nur auf Zuruf. Der Leithund zeichnete sich lediglich durch besonders hohe Disziplin und Gelehrigkeit aus. So veränderte er die Laufrichtung, indem ich einfach “links” oder “rechts” sagte. Zügel oder andere Lenkmittel waren hier nicht notwendig.

Es musste einfach der Spaß an der Sache sein, im Rudel durch die verschneite Landschaft zu toben und ständig in neue, unberührte Gegenden zu kommen.

Das Lavvu

Der dritte Tag führte uns zu einem Lavvo am Ufer des Sees Altevatn. Das Lavvu ist das traditionelle Zelt der Sami oder Lappen, wie man früher sagte. Sie benutzen es als mobiles Heim, wenn sie mit ihren Rentierherden über die Berge ziehen. Mich erinnert es an die Koten aus der Pfadfinderzeit oder an die Tipis der Indianer.

Björns Lavvu hat einen Durchmesser von vielleicht vier Metern. In der Mitte thront ein stattlicher Ofen, um den herum wir es uns auf Rentierfellen gemütlich machten. Ich hatte mir extra noch ein lange Unterhose mehr angezogen, als ich von Björns Plan erfuhr, in dem Lappenzelt zu übernachten. Die war aber ganz schnell wieder ausgezogen. Die rotglühenden Ofenwände verwandelten das Zeltinnere schnell in eine Art Sauna. Selbst die -15° C draußen konnten dem Zelt in keiner Weise etwas anhaben. Die Macht des Ofens schien unanfechtbar.

Und das Nordlicht

Beim Füttern der Hunde am Abend entdeckte ich einen hellen Streifen am Himmel. Erst Björn brachte uns darauf: “Das ist das Nordlicht! Sehr schwach, aber es kann sich noch entwickeln!” Zunächst sah ich nichts anderes als eben diesen Streifen. Doch er schien sich zu bewegen, wurde mal schwächer, mal stärker. Sein grüngelbes Licht änderte kaum merkbar seine Intensität.

Doch bald entdeckte Karl am Westhimmel ein weiteres Licht. Langsam kam es näher; gleichzeitig schien es sich kräftiger und schärfer zu entwickeln. Schließlich hing weit über uns zwischen den Sternen eine gleißende, wehende Gardine. Anders kann ich es nicht beschreiben. Den halben Himmel bedeckend erschienen die Ränder mal in rotem, mal in blauem Licht. Mal wurde es derart stark, dass es die weißen Berge erhellte, mal verschwand es für ein paar Sekunden um von einer anderen Seite her wieder heranzuschwellen. Dann zerplatzte die Gardine in alle Himmelsrichtungen und wurde von einer neuen ersetzt.

Kein Laut, kein Windzug beeinträchtige dieses Lichtspektakel. Die einzigen Geräusche verursachte nur ab und an ein Hund, der im Schnee scharrte. Wie von Geisterhand bewegt liefen die Lichtspiele über das schwarze Himmelszelt, bis sie langsam verebbten. Der warme Ofen lockte uns wieder hinein. Still versammelten wir uns um ihn. Keiner fand ein Wort, das diesem Erlebnis angemessen war.
Wieder zurück

Zwei Tage später befestigten wir unsere Gespanne nach einer rasanten Abfahrt wieder auf der Farm in Innset. Die Hunde hatten sich die letzten zwei Kilometer noch einmal kräftig ins Zeug gelegt, als sie erkannten, dass es nun nach Hause geht.

Die auf dem Hof verbliebenen Hunde hatten die Ankunft der Gespanne schon vor einiger Zeit angekündigt und die beiden Kinder aus dem Haus gelockt. Die Tour trägt ihren Namen zurecht: Nordlicht Huskytour.