Erkältung

(aus Spiegel Online 09. 02. 2018)
Fast so hartnäckig wie die Erkältung im Winter, halten sich die Mythen darüber, wie sie entsteht. Zu dünn angezogen? Zack, Erkältung. Mit nassen Haaren in den eisigen Wind? Zack, Erkältung. Ganze Generationen wurden mit mahnenden Ratschlägen wie “Föhn dir die Haare, bevor du rausgehst” gequält.

Hinter den Warnungen steckt die Annahme, dass Kälte Erkältungen begünstigt. Die Kopfhaut kühlt ab, wenn das Wasser aus den nassen Haaren verdunstet. Die Flüssigkeit braucht Energie, um zum Gas zu werden und entzieht diese der Haut. Es wird kalt auf dem Kopf, was sich tatsächlich unangenehm anfühlen kann. Eine Erkältung verursacht Kälte aber nicht, auch wenn der Begriff das leicht vermuten lässt. Verantwortlich für die Krankheit sind Viren.
Ohne die Erreger ist eine Infektion unmöglich – da kann man noch so lange mit nassen Haaren draußen stehen. Dass nasse Haare das Erkältungsrisiko erhöhen, falls Erkältungserreger in der Nähe sind, ist ebenfalls nicht sicher nachgewiesen. “Es gibt widersprüchliche Forschungsergebnisse zum Zusammenhang zwischen Kälte und Erkältungen”, sagt Johannes Hübner, Leiter der Abteilung für Pädiatrische Infektiologie am Haunerschen Kinderspital in München.

2005 baten Forscher um Ron Eccles vom Common Cold Centre in Cardiff beispielsweise 90 gesunde Testkandidaten, ihre Füße für 20 Minuten in kaltes Wasser halten. In den darauffolgenden vier bis fünf Tagen berichteten 13 von Erkältungssymptomen. In einer gleich großen Kontrollgruppe ohne Fußbad waren es 8 Erkrankte weniger – also nur 5.
Bei den wenigen Testpersonen ist es allerdings gut möglich, dass der Zufall und Unterschiede im Verhalten zum Ergebnis beigetragen haben. “Manche Studien sprechen für einen Zusammenhang zwischen dem Abkühlen der Körperoberfläche und Erkältungen – insgesamt ist die Verbindung aber umstritten”, schrieb Eccles, der inzwischen im Ruhestand ist, 2015 in einer Übersichtsarbeit.

Kalte Nase, kranke Nase
“Falls es überhaupt einen Effekt gibt, ist er sehr klein”, sagt Hübner. Verwunderlich ist das nicht, denn solang die Körpermitte warm bleibt, kommt das Immunsystem recht gut mit Kälte klar. Um die Temperatur im Körperinnern auf etwa 37 Grad zu halten, ziehen sich die Gefäße in den Extremitäten zusammen. Die Durchblutung stockt. Hände, Füße und Körperoberfläche werden kalt, die Wärme bleibt im Innern, wo wichtige Organe wie Herz und Lunge sitzen. Auch das Immunsystem bleibt intakt.
Denkbar ist lediglich, dass die Abwehr durch die zusammengezogenen Gefäße lokal nicht mehr ihre volle Kraft entfaltet. Die Nase friert bei kaltem Wetter, ähnlich wie Hände und Füße, mit als erstes, weil sie aus dem Gesicht hervorsteht. Durch die verengten Gefäße fließen kleinere Mengen Blut in die Nasenschleimhaut und damit auch weniger Abwehrzellen.
Erkältungsviren stehen auf nasskaltes Wetter
Entscheidend für die hohe Erkältungsrate von Oktober bis April sind aber andere Faktoren: Rhinoviren, die den Schnupfen meist auslösen, haben eine Vorliebe für nasskaltes Wetter. Zur kalten Jahreszeit überstehen sie besonders lange Zeit in der Luft und haben somit mehr Gelegenheiten, menschliche Schleimhäute zu befallen. Das Infektionsrisiko steigt.
“Außerdem halten sich Menschen bei Kälte länger gemeinsam in geschlossenen Räumen auf”, erklärt Hübner. Sie fahren mit der Bahn statt dem Rad zur Arbeit, sitzen mit Freunden im Wohnzimmer statt auf der Terrasse oder im Park. Da reicht der Nieser eines Infizierten, um die Viren zu verbreiten. Haben sich erst einmal genug Menschen angesteckt, geben sie die Erreger in einer Kettenreaktion an Freunde und Familie weiter, die sie wiederum an ihre Kontakte verteilen.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich Erkältungsviren sehr schnell verändern. Das Immunsystem kann sich so kaum auf die Erreger vorbereiten. Ein Erkältungsschnupfen schützt deshalb nicht vor dem nächsten. So ist es nahezu unmöglich, Herbst, Winter und Frühjahr ganz ohne Schnupfen zu überstehen.

Sofazwang für Erkältungsgeplagte
Die beste Schutzmaßnahme lautet: Hände waschen. Wasser und Seife reichen dafür. Wichtig ist die Dauer. Zwei Mal sollte man während des Einschäumens das Lied “Happy Birthday” in Gedanken singen können. Anschließend gelangen Viren nicht mehr so leicht von den Händen an Nase und Mund, wo sie die Schleimhäute infizieren können. Beim Händeschütteln oder Festhalten in der Bahn können saubere Hände zudem andere Menschen vor einer Infektion schützen.
Vor allem in öffentlichen Toiletten ist es ratsam, den Türgriff nach dem Händewaschen nur mit einem Papierhandtuch oder im Notfall dem Ärmel zu öffnen – sonst sammeln sich direkt neue Keime auf der Hand. Außerdem gilt: Wer krank ist, sollte zu Hause bleiben! Auch, wenn es nur eine Erkältung ist. Die Viren sind ansteckend. Der Körper braucht zudem Ruhe, um die Erreger zu bekämpfen.
Auf Vitaminpillen, spezielle Joghurts, Präparate zur angeblichen Stärkung des Immunsystems und sonstige Vorkehrungen kann man dagegen verzichten. Die Wirksamkeit ist nicht erwiesen. Sinnvoller ist ein insgesamt gesunder Lebensstil mit vielseitiger Ernährung und ausreichend Bewegung – dazu kann auch ein Spaziergang mit dicker Jacke in der kalten Winterluft gehören.
Besonders kleinen Kindern und Säuglingen rät Hübner dabei dann auch zu trockenen Haaren und einer Mütze, obwohl diese die Erkältung nicht abwehren. “Gerade bei Säuglingen macht der Kopf einen großen Teil der Körperoberfläche aus”, sagt er. “Sie kühlen schneller aus, was schwerere Folgen haben kann als einen Schnupfen.” Erwachsene ziehen sich in der Regel automatisch eine Kapuze über den Kopf, wenn es zu kalt wird.

Warten, warten, warten
Hat einen die Erkältung erwischt, hilft nur Aussitzen. Üblicherweise ist der Schnupfen nach etwa einer Woche überstanden. Wirksame Medikamente gegen die Viren gibt es nicht. Auch Antibiotika kommen nicht in Frage: Sie bekämpfen nur Bakterien, keine Viren. An Hausmitteln ist alles erlaubt, was guttut: Tees, Bonbons, Inhalieren, Erkältungsbäder. Sie werden die Viren nicht vertreiben, können das Wohlbefinden aber zumindest zeitweise verbessern.
In einem Blogbeitrag fasste der britische Ableger der renommierten Cochrane Collaboration die Studienlage zu Anti-Erkältungsmittel im September 2017 so zusammen: “Wir sind vorerst dazu bestimmt, unter Erkältungen zu leiden. Es ist keine Impfung in Sicht und es gibt keine wirksame Methode, die uns immun hält.”
FAZIT: Nicht mit nassen Haaren rauszugehen, hält keine Erkältung fern. Dass wir vor allem im Herbst und Winter erkranken, liegt an robusteren Viren und häufigen Aufenthalten in geschlossenen Räumen. Säuglinge und Kleinkinder sollten im Winter dennoch nur mit trockenen Haaren und einer Mütze ins Freie, damit sie nicht auskühlen.